Vorschlag: Natur in der Stadt

In Tallinn gibt es sehr viel Natur in der Stadt. Es gibt nicht nur viele Parks mit altem Baumbestand und lange Baumalleen mit riesigen Bäumen. Mich faszinieren viel mehr die kleinen grünen Inseln in der Straße oder in der Stadt. Und davon gibt es ziemlich viel.

Es gibt das Konzept der Gemeinschaftsgärten. Davon gibt es einige und wer einen gründen möchte, wird – nicht nur finanziell – unterstützt. Jeder kann bei diesen Gärten mit arbeiten und ernten oder sich einfach an den Pflanzen erfreuen. Darüber hinaus gibt es pop-up Gärten. In den letzten Jahren sind überall in der Stadt verteilt Holzboxen aufgetaucht, die zum Teil sogar mit Bäumen bepflanzt sind und manchmal auch Bänke integriert haben. Sie stehen an Stellen, an denen sonst vielleicht Events statt finden. Manchmal werden aus diesen kurzzeitigen Lösungen auch dauerhafte sogenannte Pocketparks. Wenn sich also herausstellt, dass diese kleine grüne Insel für gut befunden und angenommen wird, dann kann daraus etwas fixes entstehen.

Wenn der Weihnachtsmarkt am Rathausplatz abgebaut wird, werden die Tannenbäume, die zur Dekoration dienten, als grünes Labyrinth auf dem Platz aufgebaut. Im Sommer entsteht dort eine grüne Insel mit Pflanzen, Bäumen, Schaukeln, Sitzplätzen und einem öffentlichen Bücherregal. Viele Menschen halte sich da nun jeden Tag auf. Vorher war es ein leerer großer Platz. Und nun ist er belebt.

Vor zwei Jahren hat man hier aufgehört, öffentliche Grünflächen zu mähen. Für mich war es ein Fest für die Augen und ich schätze mal auch ein Fest für Insekten, Vögel und Kleintiere. Natürlich gab es Menschen, die sich beschwert haben, dass es nicht mehr ordentlich aussieht. Es gab dann eine Umfrage und man konnte in Karten eintragen, welche Fläche man gerne wie nutzen würde und es gibt jetzt Kompromisse. Manches wird gemäht; anderes nicht. Ich mag ja diese üppige Fülle, wenn einfach alles wachsen darf. Und es dürfte allgemein bekannt sein, dass gemähte Rasenflächen keinen großen Nutzen haben und die Temperaturen von Städten in die Höhe treiben.

An Straßenrändern werden jetzt niedrige Büsche gepflanzt und wer einen Baum fällen möchte, der mehr als 8cm Durchmesser hat, braucht dafür eine Genehmigung. Letzte Woche wurde auf dem Nachbargrundstück ein Baum gefällt und ich konnte in einer Datenbank schnell nachschauen, ob eine Genehmigung vorhanden war. Letztes Jahr wurden in der Stadt für jedes geborene Kind ein Baum gepflanzt. Neue Bauvorhaben müssen immer auch eine bestimmte Prozentzahl an Grünflächen mit einplanen. Eine alte Bahnstrecke wurde begrünt und nennt sich ‚Pollinator Highway‘. Da die Schienen quer durch die Stadt führten, ist es jetzt ein Grüngürtel.

Auf unserem Balkon habe ich jedes Jahr viele blühende Pflanzen, um Bienen und Hummeln zu versorgen. Aber es gibt auch Kräuter oder Erdbeeren für uns. Das funktioniert auch in der Stadt ganz gut. Dieses Jahr habe ich alle Kästen und Töpfe auf dem Balkon gelassen und ich bin sehr gespannt, was überlebt hat und nachwachsen wird und was sich ausgesät hat oder von Vögeln ausgesät wurde. Ich werde berichten.

Eine Sache, die ich sehr mag, sind die Eimergärten. Im Mai dürfen sich die Bewohner von unserem Viertel in einem Park, gratis einen Eimergarten holen. Es gibt Zinkeimer, auf denen ‚aed‘ steht. Das bedeutet Garten. Und es gibt Blumenerde und jede Menge Pflanzen. Man bepflanzt sich seinen Eimer also individuell und nimmt ihn dann mit nach Hause. Die Bedingung ist, dass der Eimer auf der Straße vor dem Haus aufgestellt werden muss. Er soll nicht auf dem Balkon oder im Hinterhof stehen. So bilden sich durch die Eimer an den Haustüren mitten in der Stadt, Mini-Inseln für Insekten. Statt grauem Beton auf den Gehwegen gibt es überall Blühendes. In großen Gebäude, wie unserem, mit vielen Parteien, stehen dann schon mal mehrere Eimer vor der Tür und bilden grüne Tupfen. Ich finde dieses Konzept toll und freue mich schon, wenn ich bald meinen Eimer bepflanzen darf und dann überall diese bunten Tupfen in den Straßen sehe.

Letztes Jahr wurden überall Bänke in den Straßen aufgestellt, so dass man sich draußen aufhalten kann. Und mit etwas Grün macht das auch viel mehr Spaß.

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