Public Rage of Women

Heute habe ich an einem sehr interessanten Foto-Projekt teilgenommen: Public Rage of Women

Neun Frauen haben einzeln an verschiedenen öffentlichen Orten ihre Wut herausgeschrien und wurden dabei fotografiert. Am Schluss haben wir noch ein Gruppenfoto gemacht und natürlich dabei gemeinsam geschrien.

Worum geht es? Zum Geburtstag habe ich ein Buch geschenkt bekommen von Jennifer Cox: Women are angry. In dem Buch erzählt eine Therapeutin, wie sie herausfand, dass viele ihrer Klientinnen sehr viel unterdrückte Wut mit sich herum tragen und dass das kein Zufall ist sondern gesellschaftlich gewollt ist. Schon kleine Mädchen und später Teenager, junge Frauen und ältere Damen sollen einfach alle nett sein, schön aussehen und bloß nicht wütend werden. Kleine Jungs hingegen dürfen einen Tobsuchtsanfall haben und schreien und um sich schlagen. Mädchen lernen erst gar keinen Ausdruck für dieses Gefühl. Am Ende macht es uns aber krank, wenn das alles unterdrückt bleibt und sich im Körper festsetzt.

Als ich dieses Buch las, war eine Freundin von mir in einem Rage Room. Für 80€ bekommt man da 70 Gegenstände wie Teller oder Flaschen und darf diese an die Wand schmeißen oder mit einem Baseballschläger zerdeppern. Wenn man möchte, kann man auf den Gegenständen etwas notieren, was einer so viel Ärger bereitet.

Und wie es der Zufall will – oder ist es gar keiner – machte Carolin Kebekus zur Eröffnung ihrer neuesten Show-Staffel eine komplette Sendung über weibliche Wut. Darin gibt es auch einen sehr interessanten Song, den sie gemeinsam mit tollen Frauen singt.

Als dann noch der Aufruf kam, ein Fotoprojekt einzureichen, was gesellschaftlich relevant ist, war klar, dass es um weibliche Wut gehen muss. Das Thema ist uns in den letzten Wochen so oft begegnet in verschiedenen Formen und es ist wohl an der Zeit, sich damit auseinander zu setzen oder gar diese Wut raus zu lassen.

Deswegen hat Anna sich überlegt für dieses Projekt, Frauen zu fotografieren, die in der Öffentlichkeit schreien und ihrer Wut eine Stimme geben. Nach einem Aufruf über verschiedene Kanäle haben sich ein Dutzend Frauen gemeldet, die mitmachen wollten. Neun waren heute zum ersten Fotoshooting vor Ort. Wir haben uns auf öffentliche Plätze gestellt, in ein Café, in eine Ladenstraße, in ein Coworking, an eine Straßenbahnhaltestelle und andere Orte und haben jeweils geschrien, was die Lungen hergaben.

Das Gefühl dabei ist unbeschreiblich. Es ist irgendwie überwältigend, auf jeden Fall befreiend, aber auch traurig, manchmal kamen Tränen, es ist Glück, aber auch Irritation. Manche meinten, in ihnen hätte sich etwas gelöst, aber sie haben genau gespürt, dass da mehr ist, das heraus will. Wir alle waren uns einig, dass wir das noch mal oder öfter machen wollen. Denn es tat vor allem gut. Es gibt Kraft. Es hat uns verbunden und es war gar nicht so schlimm.

Da wir nicht wussten, wie das Umfeld reagieren würde, haben wir kleine Plakate gemacht, um darauf hinzuweisen, dass es ein Kunstprojekt ist und niemand zu Schaden kommt. Wir wussten ja nicht, ob jemand die Polizei ruft, wenn eine Frau so furchtbar schreit. Es stellt sich heraus, dass die Menschen drum herum oft überhaupt nicht reagiert haben. Es hat sie nicht im Mindesten interessiert. Sie haben weiter ihren Kaffee geschlürft, ihr Eis gegessen oder sind in ihre Straßenbahn gestiegen. Erstes Learning: Es passiert nichts Schlimmes, wenn Frauen wütend sind.

Ich war fest davon überzeugt, dass ich hässlich aussehen werde, wenn ich so schreie. Vielleicht war das gesellschaftlich so in mich einprogrammiert, dass ich dann eine Fratze habe, wenn ich wütend bin. Und Frauen sollen ja bitte gefällig aussehen. Und wieder: Falsch gedacht. Es sieht kraftvoll aus. Eventuell dürfen wir deswegen nicht unsere Wut zeigen, weil wir dann Stärke zeigen. Kann ja nicht gewollt sein.

Das dritte Learning an dem heutigen Tag war, dass unsere gemeinsame Wut noch mal eine weit größere Kraft hat. Bei dem Gruppenbild haben wir zusammen geschrien und das war noch mal eine ganz andere Erfahrung. Zusammen sind wir stark. Zusammen hat unsere Wut einen noch größeren Effekt.

Eins steht fest: Wir werden alle mehr schreien. Wir werden das Projekt weiter führen und an anderen Orten schreien. Ideen gibt es schon.

2 Kommentare zu „Public Rage of Women“

  1. Das klingt für mich recht spannend, denn splntan hätte ich jedenfalls keine Idee, wie man das in einem Foto überzeugend umsetzen könnte.
    Es würde mich freuen die Bilder nach Veröffentlichung einmal zu sehen.
    Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg!

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