Wieviel erzähle ich?

Content Warnung: Krankheit, Krebs, Tod

Der heutige Impuls bei dem 28 Tage Content Programm dreht sich um die Frage, wieviel man von sich persönlich preis geben mag.

Das ist eine sehr gute Frage. In den letzten Jahren, habe ich oft überlegt, was sage ich jetzt, wenn Leute mich gefragt haben, wie es mir geht. Überlegt man dann erstmal, wer steht vor mir? Ein Familienmitglied? Freunde? Lose Bekanntschaft? Geschäftspartner oder Kunde? Und wieviel soll ich sagen? Überfordere ich mein Gegenüber, wenn ich sage, was passiert ist? TMI? Wollen die das überhaupt wissen?

Ich hatte mal einen Chef, der ging morgens durch seine Abteilung und hat gefragt, wie es uns geht. Aber wenn ich geantwortet habe „sehr schlecht“ meinte er nur „fein, fein“ und ging weiter. Möchte die andere Person wirklich wirklich wissen, was mit mir los ist?

Nun hatte ich ja gleich mehrere Themen letztes Jahr und ich musste relativ schnell entscheiden, was erzähle ich? Die Krankheit? Ja, auf jeden Fall. Da bin ich der Meinung, dass wir zu viel tabuisieren. Jeder zweite erkrankt in seinem Leben irgendwann an Krebs. Da können und sollten wir ruhig drüber sprechen. Andere Katastrophen? Kommt darauf an. Da habe ich dann doch manchmal gedacht, dass es zu persönlich ist. Natürlich kann man sagen, dass man zu einer Beerdigung geht, wenn man einen Termin absagt. Aber wer da jetzt genau der Trauerfall ist, das habe ich nicht immer gesagt. Oder bei anderen belastenden Dingen, war ich nicht sehr mitteilungsbedürftig.

Was ich allerdings schon mache, ist nichts beschönigen. Ich sage oft, dass es mir nicht gut geht. Das alles etwas viel ist oder ich gerade viel verarbeiten muss. Ein falsches Lächeln aufsetzen und sagen „prima, danke“ das mache ich nicht mehr.

Und ich habe festgestellt, dass die meisten Menschen ein echtes Interesse haben und nachfragen. Viele bieten ihre Hilfe an.

Vielleicht sollten wir alle ein wenig ehrlicher sein. Fakefluencer gibt es schon genug.

Wie geht Ihr damit um?

6 Kommentare zu „Wieviel erzähle ich?“

  1. Als neurodivergenter Mensch hab ich solche Fragen in so vielen Bereichen. Antwortet man ehrlich, wird das als Oversharing angesehen. Dabei ist das eine echt dämliche Konvention zu fragen, wie es dem anderen geht, wenn der dann lügen soll… Mach ich auch nicht mehr. Entweder der andere kommt damit klar, oder eben nicht.

    PS. „Fakefluencer“ ist ein super Begriff! Danke auch dafür!

  2. Wie geht´s?

    Diese Frage folgt ja schon gewissen Regeln. In meinen MHFA-Kursen arbeiten wir immer wieder heraus, wie wir da einen Unterschied machen können, zeigen, dass wir eine ehrliche Antwort wünschen.

    Selbst schaue ich, ähnlich wie du, mit wem rede ich und wie fühle ich mich gerade.
    Manchmal mag ich einfach auf Smalltalk-Ebene bleiben.
    „Super“ und dann lenke ich das Thema auf den Anlass des Gespräches.

    Dann haben wir ja auch Floskeln zur Verfügung in denen wir andeuten können, dass nicht alles super ist und der Ball liegt bei der anderen Person. „Muss“ ist so eine Variante, die auch regional verschieden sind.
    Auch dafür sensibilisiere ich in den Kursen.

    Wenn mir nach einem Gespräch ist und der Kontext auch den Raum dafür gibt, erzähle ich auch einfach mal, wie es mir geht und das gilt auch im positiven Sinne. Aktuell antworte ich gerne: „Es ist gerade sehr aufregend, weil mein Buch wirklich bald kommt.“ Also kleine Geschichten. Das Gegenüber entscheidet.

    Was mir dann manchmal passiert ist, die Frage nicht zurück zu stellen, weil sich eben ein Gespräch ergibt.

    1. Danke für die ausführliche Antwort und die Beispiele. Manchmal wäge ich auch ab, wem ich was erzähle. Ich weiß ja auch nicht, wie es meinem Gegenüber gerade geht. Vielleicht wäre eine ausführliche Antwort an einem anderen Tag gut, aber heute leider nicht. Es ist eine gute Anregung, immer auch an die Gesprächspartnerin zu denken. Danke.

  3. Wenn es jemand ist, der es aushält, bzw. wenn die Beziehung das aushält, dann frage ich zurück: Möchtest du eine ehrliche Antwort darauf? Dann kann die fragestellende Person entscheiden, ob wir Smalltalk machen und das Thema wechseln oder ob sie sich Zeit nehmen möchte. Die implizite Aussage „könnte dich fordern“ ist dann der Rahmen für die Konversation. Aber klar, bei Fremden Personen muss man da genauer hinschauen, wie die Situation beschaffen ist.

    1. Danke. „Könnte dich fordern“ finde ich sehr schön. Ich werde versuchen, dass in meinen Sprachgebrauch aufzunehmen.

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