Bürogehilfin – Ein ausgestorbener Beruf

Immer wieder lese ich, wie schwer sich viele Jugendliche damit tun, einen Beruf auszuwählen. Sie setzen sich total unter Druck, um super Leistungen zu erreichen und glauben, dass sie einen Beruf ergreifen müssen, der sie bis an ihr Lebensende zufrieden sein lässt. Aber Berufe und Berufsbilder verändern sich. Heute möchte ich Euch mal meinen erlernten Beruf vorstellen: 

Die Bürogehilfin.

Wahrscheinlich kann sich das heute kaum noch jemand vorstellen. Ich habe meine Ausbildung zur Bürogehilfin bei der Bayer AG gemacht. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre und endete mit einer Prüfung bei der IHK. 2,5 Tage waren wir in der Berufsschule und 2,5 Tage am Arbeitsplatz. Alle 6 – 8 Wochen in einer anderen Abteilung irgendwo im Werk.

Schreiben

Ich habe Schreibmaschine schreiben gelernt. Mit dem Zehn-Finger-System. Das war ein richtiger Drill. Wir mussten 1000 Zeichen fehlerfrei abtippen und wenn wir einen Fehler machten, wieder von vorne anfangen. Ab 900 Zeichen fingen die Finger an zu zittern und dadurch haben wir uns erst recht vertippt. Aber Schreibmaschine schreiben war halt auch ein Prüfungsfach. Da mussten wir auch einen Text abtippen. Mit Zahlen und Sonderzeichen.

Ein weiteres wichtiges Fach war Stenographie. Kennt wahrscheinlich heute auch kein Mensch mehr. Beim Steno – wie es verkürzt genannt wurde – geht es darum handschriftlich etwas Wort für Wort festzuhalten. Und weil man langsamer schreibt als spricht, gab es für Buchstaben und Wörter Abkürzungen und festgelegte Zeichen. Auch Steno war ein sehr stressiges Fach mit endlosen Diktaten und Widerholungen. 

Schreibmaschinen 

Aber im Arbeitsalltag wurde es gebraucht. Unsere Chefs haben uns zum Diktat gebeten und uns Antworten auf Briefe diktiert. Anschließend haben wir sie dann mit der Schreibmaschine abgetippt. Ich habe auf einer Kugelkopfschreibmaschine gelernt. Da konnte man nichts korrigieren. Tipp-Ex war unser Freund, aber meistens musste bei einem Fehler alles neu geschrieben werden. 

Später bekamen wir Schreibmaschinen mit einem kleinen Display. Da konnten wir einige Zeichen rückwärts korrigieren. Man musste den Fehler sofort bemerken sonst war es zu spät. Noch später kamen die Schreibmaschinen mit Floppy Disk. Da konnten wir schon ganze Absätze korrigieren. Was für eine Erleichterung. 

Protokolle

Ein anderes Prüfungsfach war Protokollführung. Hier haben sich mehrere Personen eine zeitlang unterhalten und wir mussten das stenografieren und später abtippen. Es musste Wort für Wort wieder gegeben werden und es durfte auch nicht langweilig klingen. Herr Müller sagte: “…” Frau Meier sagte:”…” durften wir nicht schreiben. Statt dessen hieß es Frau Schmitz führte an: “…” Woraufhin Herr Schulze erwiderte:”…” Auch das war eine Aufgabe im Alltag. 

Weitere Fächer waren Sprachen, BWL und VWL und Buchhaltung. So richtig mit Bleistift und Buchhalternase. 

Reine Frauensache

Wir waren eine reine Frauenklasse. Kein Mann hatte sich beworben. Ich habe auch nur von ein oder zwei Männern in dem Beruf gehört. Als Bürogehilfin waren wir Chefassistentinnen und mussten für Abteilungen den Schreibkram erledigen. Briefe abtippen. Formulare ausfüllen. Zeit erfassen. Telefonate verbinden, annehmen und durchstellen oder selber führen. Telefonnotizen erstellen, Termine machen. Ablage erledigen und Kaffe kochen und Kekse bereitstellen. 

Da ich mich von Anfang an für eine Fortbildung zur Fremdsprachlichen Sekretärin beworben hatte, lernte ich dann auch Steno und Angebote formulieren auf Englisch. 

Ausgestorben

Den Beruf der Bürogehilfin gibt es schon lange nicht mehr. Er wurde kurz nach meiner Ausbildung umbenannt in Büroassistentin. Heute würde man wahrscheinlich von einer persönlichen Assistentin oder virtuellen Assistentin sprechen. Aber die meisten Aufgaben sind weggefallen. 

Jeder tippt heute seine Mails oder seine Korrespondenz selbst. Ob mit zehn oder weniger Fingern. Oder man diktiert gleich Siri und Co die Texte. Ob auf Deutsch oder Englisch ist egal. Kann man einstellen. Selbst die Kaffeemaschine kann man programmieren, so dass man bei Arbeitsantritt schon ein Heißgetränk hat. Gut, die Kekse muss man sich dann selber auf einen Teller legen und auf den Tisch stellen.

Das Protokoll wird wohl hoffentlich reihum erstellt, enthält aber wahrscheinlich nur noch Ergebnisse. “Es wurde beschlossen, die Pappbecher im Büro durch Porzellantassen zu ersetzen.” Am Computer getippt und jederzeit korrigierbar.

Wissensschwund

Meine Kenntnisse in BWL und VWL sind wahrscheinlich heute auch überholt, weil die Bedingungen für Kommanditgesellschaften oder Wechsel sich inzwischen verändert haben. Gibt es heute überhaupt noch Wechsel?? Letter of intent oder Angebote werden eventuell heute auch noch so verfasst aber in vielen Bereichen haben sich die Formulierungen auch deutlich verändert. “Hochachtungsvoll” verwendet wohl keiner mehr. Und “best regards” geht auch. 

Was bleibt übrig?

Fast mein gesamtes Wissen aus meiner Ausbildungszeit ist überholt, hat sich verändert oder wird überhaupt gar nicht mehr gebraucht. Auch die Rechtschreibung und die DIN 5008 für das Verfassen von Briefen hat sich geändert. 

Was ich täglich brauche ist die Fähigkeit sehr schnell mit zehn Fingern zu schreiben und ein gewisses Ordnungstalent. Mails oder Briefe formulieren, Formulare ausfüllen und Tabellen erstellen kann ich gut. Ablage macht mir auch keine Probleme. Allerdings sind wir Meurers heute fast papierlos. Ich diktiere auch inzwischen gerne Texte, weil es noch einfacher ist als tippen. Oder ich hinterlasse gleich eine Audionachricht. 

Von meiner Ausbildung und Fortbildung ist also kaum etwas übrig geblieben.  Drei Jahre lernen und üben sind inzwischen nahezu überflüssig. 

Also macht Euch keinen Kopf, was Ihr jetzt lernen sollt. Es wird wahrscheinlich nicht von Dauer sein. Eventuell nehmt Ihr eine Fähigkeit mit, die Ihr immer wieder gebrauchen könnt. Aber vielleicht braucht Ihr es nie mehr wieder. 

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