Besuch im Volkskundemuseum Graz

Da das Volkskundemuseum endlich wieder geöffnet ist und mit einer neuen Sonderausstellung gestartet ist, die ich wirklich interessant finde „Dirndl, Jeans und Seidenstrümpfe“, führte unser Kultursonntag diesmal direkt dahin.

Erste Hürde: Als wir ankamen, war das Museum noch zu. Es öffnet nämlich erst um 14 Uhr!!

Also mussten wir unseren üblichen Caféhausbesuch diesmal vorher absolvieren. Aber das erhöht nur die Spannung.

Dann endlich war es soweit. Während wir auf die Eintrittskarte gewartet haben, haben wir gemeinsam mit der Besucherbetreuerin überlegt, was die kleinen Icons auf den Säulen bedeuten könnten…

Es gibt im Volkskundemuseum eine geräumige Garderobe mit Schließfächern gegen einen Euro Pfand. Für die Dauerausstellung im Haus erhält man einen kleinen Ordner mit zusätzlichen Erklärungen zu den Ausstellungsstücken. Ob es diesen Ordner auch in anderen Sprachen gibt, weiß ich nicht. Die Erklärungen orientieren sich an Nummern, die auf kleine Glaswürfel aufgedruckt sind.

Wir haben uns dann auf den Weg gemacht. Gleich am Anfang gibt es einige Mitmachstationen mit interaktiven Bildern am Computer, eine Art Ratespiel, wer welches Sammlungstück woher hatte. Hier haben wir eine Aufklärung vermisst, welche Person denn jetzt die richtige war. Aber eine richtige Lösung gibt es anscheinend nicht.

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Dann ging es weiter – immer mit diesem Ordner in der Hand. Recht bald haben wir uns gefragt, wofür man diesen Ordner braucht. Die meisten Infos daraus könnte man auch direkt an das Ausstellungsstück schreiben – vor allem, wenn es nur ein Wort ist. Die zusätlichen Infos lassen sich sicher auch irgendwo anbringen. Die kleinen Glaswürfel waren oft gut versteckt oder zum Teil kaum lesbar: Hellorange Schrift auf einem spiegelnden Glaswürfel in einer spiegelnden Glasvitrine – da wird es undeutlich. Wenn wir uns vorgebeugt haben, um die Nummern zu entziffern, haben wir gleich mehrmals einen Alarm ausgelöst, weil wir eine Lichtschranke durchbrochen haben… Das war bald etwas nervig. Nicht nur für uns sondern auch für die anderen Besucher…

Wie lautet die Nummer?
Wie lautet die Nummer?

In der Rauchstube war es ziemlich dunkel. Hinter der Tür stand ein Deckenfluter, den wir aber nicht aktivieren konnten. Als wir dann dem Kabel gefolgt sind, stellten wir fest, dass es nicht eingesteckt war. Gesagt – getan. Und wir hatten wenigstens etwas Licht. Unsere Frage zu der Rauchstube wurde dadurch aber leider nicht beantwortet und der Ordner gab auch keine Auskunft.

Die Ausstellung ist wirklich umfassen und vielseitig und durch die Farbstruktur gut gegliedert. Die Nummern sind nicht immer in der richtigen Reihenfolge – oder wir sind falsch herum gegangen – aber sie sind in dem Ordner leicht zu finden.

Die Aktion um die Jacke, die Rätsel aufgibt finde ich sehr gelungen. Außerdem finde ich die Jacke toll, wenn man sie kaufen könnte, würde ich sie sofort kaufen…

Es gibt einen kleine Brücke zum Nebenhaus, über die sind wir in die Trachtenausstellung gekommen, die momentan durch zwei Interventionen mit zur Sonderausstellung gehören. Hier wird man durch das verbergen der Ausstellungsstücke richtig neugierig gemacht. Leider lassen sich dadurch die Hinweistafel kaum mehr lesen… Die Verkleidung der Vitrinen mit Dirndlstoff ist eine sehr schöne Idee und man schaut wirklich durch jedes Guckloch. Die Sprüche an der Wand mit den stilisierten Schnittmustern wirkten hingegen etwas billig.

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Von dort haben wir den Weg nach unten gesucht. Ausgeschildert war nur ein Notausgang, der sehr alarmgesichert aussah. Durch unsere vorherigen Begegnungen mit den Lichtschranken, habe wir darauf verzichtet, die Tür auszuprobieren und sind zurück zur Info gegangen, um dort nachzufragen, wie man in die Sonderausstellung kommt.

In der Sonderausstellung geht es laut Prospekt, um die Aussage und Wirkung von Kleidung. Hier gab es zunächst wieder sehr viel Tracht zu bestaunen. Eine sehr schöne Idee sind die besonderen Kleidungsstücke von verschiedenen Persönlichkeiten. Hier hätte ich mir allerdings von den beiden Köchen und dem Fußballer ein anderes Kleidungsstück gewünscht. Zum Beispiel vom Herrn Zotter, die ausgebeulte Jogginghose, mit der er immer läuft und dann beim Laufen die Ideen für neue Schokoladekreationen bekommt. Zwei Kochjacken und ein Fußballtrikot waren mir zu platt. Die selbst gehäkelte Jacke oder das Filz-Stola-Unikat waren da schon besser. Und sehr schön war auch die Beschreibung, dass man sich als Frau mit einer Art Uniformjacke in Geprächen besser durchsetzen kann. Davon hätte ich gerne mehr gehabt.

Dann kamen wir zu der interaktiven Wand, bei der man auf bereit liegenden Postkarten beschreiben soll, wie die Kleidung der gezeichneten Personen auf einen wirken. Ich liebe ja interaktive Sachen in Museen und Ausstellungen und freu mich immer, wenn ich etwas anfassen oder etwas tun darf. Aber diese Wand machte mir echt Bauchschmerzen. Diese Zeichnungen sind so plakativ, dass sie förmlich nach Vorurteilen schreien. Und wenn man dann bei der blonden Frau im Minirock liest: „Sie schreit nach Sex“ dann wird mir Angst und Bange… Wir haben dann nachher an der Information gemeinsam überlegt, wie man diese Wand verändern könnte. Unser Vorschlag: Echte Fotos von Personen und dann irgendwo die Auflösung, was diese Menschen machen. Vielleicht wäre dann herausgekommen, dass die Blonde im Minirock in Atomphysik doktoriert…

Die Fotogegenüberstellung von Arbeits- und Privatkleidung ist auch eine sehr schöne Idee. Hier hätten es aber gerne wieder Personen aus Graz, der Steiermark oder Österreich sein dürfen… Leider steht dort nicht, von wem die Fotos sind. Die Nachfrage an der Info brachte uns dann zwar zum dazugehörigen Buch, aber die Frage nach dem Urheber war damit noch nicht restlos geklärt.

Was mir gefehlt hat, ist der Bezug zur Gegenwart. In der Dauerausstellung geht es viel um Standeszeichen und es wird erklärt, dass gewisse Berufsgruppen nur dieses oder jenes tragen durften oder dass es verboten war, einen gewissen Anzug zu tragen. Hier hätte ich mir sehr gewünscht, dass die heutigen Jugendkulte genau so betrachtet würden: Was macht kleidungsmäßig einen Emo zum Emo? Wie kleiden sich Hipster? Und wann gehört man zur Gothicbewegung? Woran erkennen sich die Mitglieder der einzelnen Gruppen? Das wäre richtig spannend…

Die Zeitkapseln haben wir dann schließlich auch noch gefunden, weil wir explizit danach gefragt haben. Leider sind sie nicht beschriftet.

Was wieder einmal fehlt, ist das Museums-Café. Im Sommer kann man ja in den Zeitgarten, aber ansonsten ist der Kaffeeautomat in der sehr schönen gemütlichen Lounge nicht wirklich einladend. Warum macht eigentlich der Unterstützungsverein nicht ein kleines Café auf? Ich erinnere mich an ein kleines Museum mitten in der Wildnis in Finnland, in dem jeden Tag freiwillige aus dem dazugehörigen Verein etwas Backen und zusammen mit einer Tasse Kaffee verkaufen. Wir sind mehr als einmal zu dem Museum gefahren, nur um Kaffee und Pulla zu genießen, weil die Sachen einfach unglaublich lecker waren – waren sie doch hausgemacht nach alten Familienrezepten.

 

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