Self Care – Ein Reizthema

Jennifer Dillmann hat über Selbstfürsorge geschrieben und eine Szene dargestellt, wie sie oft in Ihrer Praxis vorkommt. Ich erkenne mich darin wieder und fühle mich auch ertappt.

Wir hatten die Diskussion ja schon zum Thema ‚einfach‘ oder ‚einfach machen‘. Aber so einfach scheint es ja für sehr sehr viele Menschen nicht zu sein. Wenn man sich für sein Wohlbefinden interessiert und kurz mal die Suchmaschinen bemüht, spucken sie immer ähnliche Dinge aus: Bewegung, Ernährung, Selbstfürsorge, Schlaf und Schreiben. Neudeutsch Journaling genannt. Aber warum ist das dann so schwer?

Der Zeitaspekt ist ein Riesenfaktor. In den letzten Jahren ist mein Leben komplett aus dem Ruder gelaufen. Ich hatte gefühlt keine Kontrolle mehr. Jeden Tag habe ich reagiert und Dinge erledigt, die erledigt werden mussten. Gefühlt war da keine Zeit zu verlieren. Vielleicht schaffe ich das gar nicht bis zum Fristende, war eine große Angst. Und es gab zahlreiche Termine außerhalb meiner vier Wände. Also kann ich mir da keine Pause gönnen, dachte ich. Waren die Dinge erledigt, war ich einfach platt. Da war dann auch nicht mehr viel mit Self Care. Jetzt noch aufraffen zum Sport, zum Schreiben, zum Wasauchimmer… Ging nicht.

Das Internet meint, es gibt auch kleine Pausen und Kleinigkeiten, die helfen können. Allerdings ist der Begriff Self Care für mich auch schon ganz schön abgelutscht. Vieles was darunter gezeigt oder angeboten wird, ist mit Konsum verbunden, geht in Richtung Luxus oder Wellness und braucht dann doch wieder viel Zeit. Man kann ja schlecht in zwei Minuten ein Vollbad nehmen.

Unzählige Listen habe ich schon durchgeschaut, ob vielleicht etwas passendes dabei sein könnte. Fast immer taucht auf den Listen ‚Tee trinken‘ auf. Kann mir das bitte mal jemand erklären? Warum soll mich das entspannen? Ich muss den Wasserkocher mit gefiltertem Wasser befüllen. Der Wasserfilter ist aber gerade leer. Ich muss warten, bis das Wasser durchgelaufen ist. Dann kann ich den Wasserkocher befüllen. Welchen Tee nehme ich denn? Losen oder Beutel? Welche Geschmacksrichtung? Muss was weg? Ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen? Ach egal! Hier der Tee. Beutel in die Tasse. Kochend Wasser drauf. Klar fällt das Schildchen jetzt in das heiße Wasser. Irgendwie rausfischen mit einem Löffel. Wie lange muss der Tee ziehen? Wo ist die Verpackung? Ah schon weggeschmissen. Aus dem Altpapier rausfischen. 2-3 Minuten. Sind die schon um? Na ja, einfach mal den Beutel rausnehmen. Autsch! Die Tasse ist heiß! Abstellen. Warten. In der Zeit kurz was anderes machen. Eine halbe Stunde später merken, da war doch was. Der Tee ist kalt und schmeckt bitter. Wegschütten.

Das soll entspannend sein? Ähnliches gilt für Yoga. Ich bin diejenige, die völlig verspannt aus einer Yogasession kommt, weil sie verzweifelt versucht, die Positionen zu erreichen und dabei alles mögliche anspannt oder verspannt. Eine Physiotherapeutin hat mir mal eine Atemübung gezeigt und komplett verklärt geschwärmt, wie toll das ist, wenn man diese einzige Atemübung zwei Stunden lang macht. Bitte, wer wiederholt einen einzigen Atemzug zwei Stunden lang?

Ja klar, es gibt auch Dinge, die man in wenigen Minuten erledigen kann. „Nur fünf Minuten am Tag…“ Hat mal jemand ausgerechnet, wieviele Stunden man am Tag braucht, wenn man all diese Tipps mit „nur … Minuten“ für sämtliche Körperbereiche und die mentale Gesundheit durchführt? Ich schätze mal 27 Stunden am Tag.

Es wundert mich überhaupt nicht, dass das Thema Selbstfürsorge so polarisiert und für sehr viele Menschen sehr schwer ist. Es ist kompliziert.

8 Gedanken zu „Self Care – Ein Reizthema“

  1. Ich musste dauern nicken und schmunzeln beim Lesen Deines Textes, liebe Monika.
    Dieses du musst nur das, oder jedes tun, dann geht es dir besser, geht mir tierisch auf die Nerven. Und bei aller Liebe, was macht der Mensch, wenn er kein Teetrinker ist?
    Irgendwann weiß Jeder, was für ihn gut ist und dann heißt es: Dies ohne Wenn und Aber zu machen.
    Ich mag Dein Schreiben sehr! Schön, dass wir uns bei #28TC kennengelernt haben.
    Liebe Grüße
    Margaretha

    1. Danke. Ich bin froh, dass ich nicht alleine bin damit. Und ich bin auch sehr froh, dass ich bei dem Projekt dabei bin.

  2. Ich sehe den Reiz im Reizthema und in mir schreit es:
    Einen Scheiss musst du.
    Nochmal zurück auf Anfang: Self
    Nur du kannst entscheiden, was dir gut tut.

    Bei mir ist es übrigens Wellness oder Beauty-Programme. Klingt für mich nach Horror.
    Neulich sagte mir eine Frau, sie nutze die lange Pause im Seminar, um sich die Augenbrauen zupfen zu lassen. Ich habe sie entsetzt angestarrt und gefragt: Fürs Entspannen oder die Optik. Sie sagte beides und kam sehr glücklich von ihrem Ausflug wieder. Ich hab nicht mal den Unterschied zu vorher in den Brauen gesehen.

    1. Ich bin sehr froh, dass ich nicht die einzige bin, die solche Listen und Aufforderungen teilweise sehr nervig findet.

      Augenbrauen zupfen in einer Pause stelle ich mich allerdings stressig vor. Und das tut doch weh… Aber wenn es ihr geholfen hat, zu entspannen, dann ist das doch gut.

      Ich suche dann mal weiter, was mich entspannen könnte.

  3. Liebe Monika,
    ich mag dieses Pingpog wie du meinen Impuls aufgenommen hast. Die Herausforderung ist unter anderem das passende für dich zu finden. Atemübungen über zwei Stunden wie anstrengend. Aber ein zwei bewußte Atemzüge können schon einen unterschied machen.
    Den Tee bei mir in der Praxis gibt es von mir vorbereitet, der Patient braucht nur noch zu trinken. 🙂
    Ich mag es die verschiedenen Aspekte von Selbstfürsorge zu beleuchten.

    1. Ich stelle mir gerade vor, wie ihr gemeinsam Tee trinkt. Vielleicht ist das eine Idee, es nicht alleine zu machen. Witzigerweise machen wir das im Advent jeden Tag. Tee trinken und Stollen und Kekse essen. Dazu gibt es einen Hallmark Film.
      Danke jedenfalls für Deinen Anstoß.

  4. Ich muss gerade darüber lachen, dass mein Tee seit 3 Stunden zieht. 🤣
    Und daran denken, dass es am Ende immer wieder auf die Basics ankommt (fast wie die Suchmaschine sagt): Bewegung, Ernährung, Schlaf und Beziehungen. Mehr ist es eigentlich nicht, und es ist trotzdem so schwer.

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